B 102-Ausbau: Havelsee kündigt Klage an – Sorge um Kita-Verkehr in Fohrde
Der Plan für den Ausbau der Bundesstraße 102 steht: Ab 2026 sollen die Bagger rollen, zwischen Brandenburg an der Havel und Fohrde wird die Trasse auf 5,3 Kilometern grundlegend erneuert. Doch in Havelsee gibt es Widerstand. Denn die Brandenburger Straße soll am Ortsrand gekappt und zur Sackgasse werden. Für die Stadt und viele Anwohner ist das ein untragbarer Eingriff – vor allem, weil der Verkehr künftig direkt an der Kita mit 71 Kindern vorbeigeleitet würde. Das Amt Havelsee hat deshalb Klage gegen den Planfeststellungsbeschluss eingereicht.
Bedenken in Havelsee
Der Planfeststellungsbeschluss zum Ausbau der B 102 zwischen Brandenburg an der Havel und Fohrde wurde in der Augustausgabe des Amtsblattes des Amtes Beetzsee veröffentlicht. Während das Land den „verkehrsgerechten Ausbau“ auf 5,3 Kilometern samt neuer Überholstreifen und Signalanlagen plant, wächst in Fohrde der Widerstand gegen einen zentralen Baustein: Die direkte Anbindung der Brandenburger Straße an die Bundesstraße soll entfallen; die Gemeindestraße würde am Ortsrand zur Sackgasse und abschnittsweise zur Fahrradstraße umgewidmet. Die Stadt Havelsee will dagegen vorgehen: „Ja, das machen wir“, sagt Bürgermeister Günter Noack auf die Frage, ob die Stadt gegen den Beschluss klagt. „Das hat Herr Müller, unser Amtsdirektor, zusammen mit dem Bauamt vorbereitet.“ Noack betont, die geplante Verkehrsverlagerung über die Tieckower Straße sei „gar nicht möglich“. Begründung: „Dort liegt der Kindergarten, außerdem sind landwirtschaftliche Fahrzeuge und Lieferverkehr unterwegs – das funktioniert so nicht.“
Gefahr für die Kita
Besonders die Sicherheit der Kinder bereitet dem Bürgermeister Sorge. „Vor der Kita halten die Autos, Eltern steigen mit den Kindern aus – bei der Abholung wieder genauso. Ein Kind kann sich losreißen. Die Straße ist schmal, das ist einfach gefährlich, und der Lärm ist für die Kita nicht hinnehmbar.“
An der Parkordnung in der Tieckower Straße ändere die Abbindung der Brandenburger Straße nach seiner Einschätzung wenig. „Landwirtschaftliche Fahrzeuge müssen weiterhin zum Kreisverkehr, es kommt zu Konflikten an Grundstückszufahrten. Das neue Dorfgemeinschaftshaus erzeugt zusätzlichen Besucherverkehr. Das passt alles nicht. Und es ist gar nicht nötig: In Brandenburg gibt es genügend Beispiele, wo vor einem Kreisverkehr noch Abzweigungen bestehen – nur hier soll es plötzlich nicht gehen.“

„Keine demokratische Herangehensweise“
Kritik übt Noack auch am Verfahren. „In die Planung wurden wir gar nicht einbezogen. Es gibt einen Entwurf, der uns vorgelegt wird – man kann zwar seine Meinung sagen, aber das ändert nichts. Das ist deren Entwurf, nicht unserer, und davon gehen sie nicht ab. Die Anhörungen sind ins Leere gelaufen.“
Auf Nachfrage, welche Gründe in den Anhörungen vorgetragen wurden, sagt Noack: „Das wird wegdiskutiert. Das ist keine demokratische Herangehensweise, sondern selbstherrlich. Letztlich ist das eine Machtprobe zwischen Landesbetrieb und Kommunen – meist zugunsten des Landes.“
Wirtschaft im Ort warnt
Die wirtschaftlichen Folgen sehen auch örtliche Betriebe kritisch. Sven Schindler, Inhaber von Metallbau Schindler an der Brandenburger Straße, erwartet erhebliche Probleme im Lieferverkehr: „Wir bekommen Sattelauflieger. Wenn die Brandenburger Straße zur Sackgasse wird, bräuchte ich ein viel breiteres Tor, der Zaun müsste versetzt werden, ein Straßenbaum müsste weg – sonst kommen die nicht mehr auf den Hof. Bisher war die Anfahrt von der anderen Seite kein Problem.“
Er hält den künftigen Schwerverkehr am Kindergarten für ein Sicherheitsrisiko und warnt vor Schäden an der innerörtlichen Fahrbahn: „Oben an der Trafo-Kreuzung wird die Straße in Mitleidenschaft gezogen – die müssten wir dann halbjährlich sanieren.“ In das Verfahren sei er nach eigener Darstellung nicht eingebunden gewesen: „Gar nichts. Man kennt hier zwei Gewerbe – Forst und Landwirtschaft – und meine Situation. Es hieß nur: ‚Wenn es so ist, dann ist es so.‘ Wenn zugemacht wird, haben wir große Schwierigkeiten. Für die Kinder wird es am schlimmsten: Große, mittlere, kleine Transporter – und zur Abholzeit steht es dort ohnehin voll.“
Ähnliche Bedenken kommen von der Forst- und Landschaftstechnik am Ort. „Lieferverkehr und Kundenverkehr müssten erst umherirren, um uns zu finden“, sagt Sylke Kramski. „Wir bekommen täglich Ware, auch mit größeren Lkw – alle müssten am Kindergarten vorbei. Dazu kommen Anlieferungen von großen Traktoren und Kunden mit Anhängern. Scheinbar ist sich niemand bewusst, welcher Verkehr dann an der Kita vorbeigeht.“
Was die Planer sagen
Der Planfeststellungsbeschluss beschreibt für den Abschnitt zwischen dem Ortsausgang Brandenburg und Fohrde unter anderem wechselseitige Überholstreifen, zwei neue Ampelkreuzungen (Mörtelwerk und Butterlake), den Rückbau direkter Zufahrten auf freier Strecke, die Umgestaltung weiterer Knotenpunkte, einen Wildschutzzaun sowie landschaftspflegerische Maßnahmen. Die Brandenburger Straße soll am Ortsrand enden; der frühere Verlauf entlang der B 102 wird abschnittsweise als begleitende Fahrradstraße geführt.
In der Begründung verweisen Vorhabenträger und Planfeststellungsbehörde darauf, dass die Leistungsfähigkeit der verbleibenden Gemeindestraßen gegeben sei. Für die innerörtliche Führung – etwa über Tieckower Straße und Bahnhofstraße – seien Lösungen wie Einbahnregelungen für den Schwerverkehr geprüft; unzulässige Lärmbelastungen sehe das Gutachten nicht. Eine Verletzung der gemeindlichen Planungshoheit und Straßenbaulast verneint die Behörde; die Belange des Radverkehrs und der Barrierefreiheit seien zu berücksichtigen. Die Auslegungslast der Gemeinde für ihre Straßen werde durch das Vorhaben nicht berührt.
Kosten und Bauablauf
Nach derzeitigem Stand belaufen sich die vom Bund getragenen Baukosten auf rund 14 Millionen Euro; für den landschaftspflegerischen Begleitplan sind weitere etwa 1,35 Millionen Euro veranschlagt. Vorgesehen ist, zwei wechselseitige Überholabschnitte von jeweils rund 1,1 Kilometern zu schaffen und direkte Zufahrten auf der freien Strecke zu schließen.
Der vorhandene kombinierte Geh- und Radweg wird an heutige Regeln angepasst, zwei Lichtsignalanlagen an den Knotenpunkten Mörtelwerk und Butterlake kommen neu hinzu. Für das Ausbauvorhaben müssen 183 Bäume gefällt werden, als Ausgleich sind unter anderem 303 Neupflanzungen in Trassennähe vorgesehen. Baubeginn soll am Kreisverkehr in Fohrde sein; von dort arbeitet sich die Baustelle in Richtung Brandenburg an der Havel vor.
Für die Bauzeit sind keine langen Vollsperrungen vorgesehen, sondern abschnittsweise Halbsperrungen mit Baustellenampeln; teils wird auch außerhalb der bestehenden Trasse gebaut. Ziel des Ausbaus ist es, das westliche Brandenburg – insbesondere Premnitz und Rathenow – besser an die Autobahn anzubinden. Eine frühere Idee, zwischen Premnitz und der A 2 eine neue Ortsumfahrung zu errichten, war aus naturschutzrechtlichen Gründen verworfen worden; daher setzt das Land auf den Ausbau der vorhandenen Strecke.
Offene Fragen
In Havelsee hält man dem entgegen, die spezifische Lage der Kita, die Enge der Straßen und die Mischung aus Wohnen und Gewerbe seien unzureichend berücksichtigt. Noack fasst die Empfindung der Stadt zusammen: „Hier greift man in die örtlichen Verhältnisse ein – das ist für die offenbar unerheblich.“ Juristisch sieht die Stadt sich durch die Abbindung der Brandenburger Straße und die Folgewirkungen im Ort benachteiligt; die Klage soll dies klären. Maßgeblich für Rechtsbehelfe ist – nach Ende der Auslegung – die einmonatige Klagefrist vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg; über einen Antrag auf aufschiebende Wirkung entscheidet das Gericht.
Der Landesbetrieb Straßenwesen verweist auf Anfrage auf den Planfeststellungsbeschluss. Sprecherin Dorothée Lorenz erklärte, darin seien alle relevanten Aspekte bereits erläutert. In dem Beschluss heißt es zusammenfassend, die Abbindung der Brandenburger Straße diene der Verkehrssicherheit und der Funktion der B 102 als überregionale Verbindungsachse; die innerörtlichen Mehrbelastungen seien gering und mit straßenverkehrsrechtlichen Mitteln steuerbar.
Wie stark die Verkehre sich in der Praxis verlagern – und ob bauliche Anpassungen an Gemeindestraßen notwendig werden –, dürfte nicht zuletzt vom Bauablauf abhängen. Der Einstieg der Arbeiten ist von Landesseite für 2026 in Aussicht gestellt; angekündigt ist ein abschnittsweises Bauen ohne lange Vollsperrungen. Für Fohrde bleibt vorerst vor allem eine Frage offen: Wer trägt am Ende die Verantwortung für Sicherheit und Leistungsfähigkeit vor der Kita – und zu welchem Preis für die Menschen im Ort?
