Das Wunder von Fohrde: Storch Otto ist zurück – und bringt seine neue Liebe mit
Es war ein Moment, bei dem vielen Naturfreunden in der Region und weit darüber hinaus vor Spannung der Atem stockte: Am Samstagvormittag, den 21. März 2026, kehrte ein alter Bekannter in seine Freiheit und in sein angestammtes Revier zurück. Storch Otto, dessen Schicksal nach einer schweren Verletzung im vergangenen Jahr monatelang ungewiss war, wurde gemeinsam mit seiner neuen Partnerin Jezebel ausgewildert. Was in den Stunden danach folgte, gleicht einem perfekten Drehbuch für eine Naturdokumentation – inklusive eines Happy Ends pünktlich zum Osterfest.
Eine Rettungsaktion mit niederschmetternder Diagnose
Dass Otto in diesem Frühjahr überhaupt wieder Fohrder Luft unter den Flügeln spüren darf, grenzt an ein medizinisches Wunder. Hinter dem Tier liegt ein schweres Dreivierteljahr. Am 7. Juni des vergangenen Jahres wurde Otto durch eine Anwohnerin im benachbarten Tieckow verletzt aufgefunden. Außenreporter Peter, der sich seit rund fünf Jahren im Team des Storchennests Fohrde engagiert und seine Beobachtungen und Fotos mit der Community teilt, war damals direkt vor Ort.
„Da hat noch keiner an Otto gedacht“, erinnert sich Peter an den Moment des Einfangens. Doch sein geschultes Auge ließ keinen Zweifel zu: „Ich habe ihn an seinem Federkleid erkannt, weil ihm auf der rechten Seite hinten eine weiße Feder fehlte. Da kam eine schwarze durch.“ Die Tragweite der Verletzung offenbarte sich jedoch erst später. „Ich habe das damals gar nicht gleich gesehen, da er ganz normal vor mir weggerannt ist“, berichtet der Außenreporter. „Ich habe zehn Minuten gebraucht, um ihn einzufangen, und mein erster Gedanke war: Ach, das ist nicht so schlimm.“
Die spätere Diagnose aus dem Storchenhof Loburg war jedoch ein Schock: Ein mehrfacher Schlüsselbeinbruch auf der rechten Seite sowie ein gerissener Luftsack und Blutungen aus der Luftröhre. „Da war ich selbst erschüttert, wie schwer er verletzt war“, so Peter. Die Chancen, dass Otto jemals wieder fliegen würde, standen laut den Experten bei lediglich 50 Prozent. Wäre die Heilung misslungen, hätte Otto sein restliches Leben als sogenannter „Fußgänger“ in einem Tierpark verbringen müssen.
Turbulente Jahre und viel Drama im Storchennest
Dass das ganze Dorf so intensiv mit seinen gefiederten Sommergästen mitfiebert, liegt auch an der äußerst wechselvollen und teils tragischen Historie des Fohrder Storchennests. Wirkliche Beständigkeit und stabile Partnerschaften gab es in den vergangenen Jahren selten. Peter erinnert sich an viel Drama, das sich oftmals hoch oben im Horst abspielte. „Es ist eine Menge passiert hier, weil die Bruten in der Vergangenheit oft nicht normal abliefen.“
Besonders das Jahr 2021 blieb im Gedächtnis, als ein Gelege mit drei Eiern unbefruchtet blieb. „Ich nehme an, dass der enorme Stress mit dem Storch Ben damals der Auslöser war“, blickt Peter zurück. Ben hatte sein Nest extrem aggressiv verteidigt, nachdem seine angestammte Partnerin spät aus dem Süden zurückkehrte. Auch in den Folgejahren gab es immer wieder Rückschläge: Ein Weibchen verschwand nach einem schweren Sturm spurlos, andere Jungstörche, wie etwa Leni oder Frieda, zeigten sich mit der Jungenaufzucht überfordert. „Wenn sie zu jung sind, fehlt ihnen die Erfahrung, und sie verlassen den Horst einfach“, erklärt Peter. All diese Ereignisse prägen das Verhalten der Tiere nachhaltig: „Störche merken sich, ob sie erfolgreich gebrütet und Junge aufgezogen haben. Wenn sie verjagt werden oder alles schiefgeht, kann es sein, dass sie nicht wiederkommen.“
Ein kleiner Lesetipp für alle, die noch tiefer in die turbulente Fohrder Storchen-Historie eintauchen möchten: In der aktuellen Ausgabe der Zeitung „Zwischen Havel und See“ gibt es dazu einen ausführlichen Artikel. Unter dem Titel „Mehr als nur ein Vogelnest – Wie Fohrde zum Nabel der Storchenwelt wurde“ ist dort die komplette Geschichte zusammengefasst.
Zwei Schicksale finden in Loburg zusammen
Umso größer war die Anspannung, als sich am Samstagvormittag eine Gruppe aus Storchenfreunden und einem Fernsehteam des rbb am Fohrder Storchennest traf, um von dort aus gemeinsam zu einer nahegelegenen Wiese am Ende der Ziegelstraße zu laufen. Kurze Zeit später traf Dr. Michael Kaatz vom Storchenhof Loburg mit seinem Team und den Transporttaschen ein. Zur Feier des Tages trugen die Experten aus Loburg sogar extra für Otto und Jezebel bedruckte T-Shirts.
Schon am Morgen waren die beiden Störche beringt und noch einmal gewogen worden. „Beide sind in guter Kondition und vertragen sich nach wie vor gut“, bestätigte Dr. Kaatz den über 30 gespannten Zuschauern vor Ort.
Dass Jezebel an Ottos Seite war, ist dabei ein absolutes Novum. „Ich erinnere mich gar nicht, dass wir das schon mal vorher gemacht haben“, so Kaatz über die gemeinsame Auswilderung eines Paares. Die Störchin, die an ihrem etwas zierlicheren Schnabel gut von Otto zu unterscheiden ist, stammt ursprünglich aus Wusterhausen. Wie Tierpfleger Kevin berichtete, war sie dort tagelang am Straßenrand umhergeirrt. Mit ausgerupften Federn und Prellungen – vermutlich nach einem Angriff durch ein Raubtier – wurde sie gerettet und gesundgepflegt. In der Loburger Voliere funkte es schließlich zwischen den beiden.
Die Auswilderung: Zwischen Bangen und Hoffen
Dass die Wahl für die Freilassung ausgerechnet auf die Wiese am Ende der Ziegelstraße fiel, war kein Zufall. Außenreporter Peter erklärte den strategischen Hintergrund, während er prüfend über die Landschaft blickte: „Hinter der Weide zeichnet sich die Silhouette von Fohrde ab. Wichtig ist, dass die Kirche im Blickfeld liegt und man die Storchenhorste sieht.“ Diese vertrauten optischen Reize sollten Otto die sofortige Orientierung erleichtern.
Für die Störche bedeutete die Ankunft auf der Wiese das Ende einer gut einstündigen Autofahrt. Bevor sich nun die Klettverschlüsse der Transporttaschen öffneten, bereitete Dr. Kaatz die Zuschauer auf die kommenden Minuten vor. Zunächst wurde den Tieren behutsam eine schützende Socke vom Kopf gezogen. „Das ist ganz normal, da fahren sie ruhiger und ergeben sich so ein bisschen ihrem Schicksal“, erklärte der Experte. Er dämpfte zugleich allzu schnelle Erwartungen: „Es kann passieren, dass sie sehr schnell durchstarten. Wir erleben da alle Varianten. Sie können aber auch einfach sitzen bleiben.“ Bei Jezebel war die Ungewissheit besonders groß: Da Fohrde für sie völlig fremd war, hätte sie sich theoretisch auch direkt in Richtung ihrer Heimat Wusterhausen orientieren können.
Triumphaler Rückflug und ein Osterwunder
Mit vereinten Kräften wurden Otto und Jezebel schließlich vorsichtig aus den Taschen auf die Beine gehoben. Zunächst passierte das erhoffte, ruhige Szenario: Die Vögel blieben abwartend auf der Wiese stehen, orientierten sich und putzten ihr Gefieder. „Da haben wir richtig Glück, dass sie nicht sofort starten, sondern einfach umherlaufen – bilderbuchmäßig“, freute sich Dr. Kaatz.
Doch Ottos Instinkt war ungebrochen. Um exakt 11:23 Uhr erhob er sich in die Lüfte und steuerte zielgenau den „Nest 1“ genannten Horst an – sein altes Zuhause. Für Dr. Kaatz kam das nicht überraschend: „Es ist ja hier sein vertrautes Gebiet. Wir haben ihn auf einer Wiese freigelassen, wo er wirklich viel nach Futter gesucht hat. Da ist er quasi in fünf Sekunden angekommen. Störche sind sehr heimatverbunden.“
Jezebel zögerte länger, entschied sich dann aber gegen Wusterhausen und für die Liebe: Um 13:59 Uhr flog sie Otto auf das Nest nach. Was dann passierte, begeisterte die Beobachter an den Bildschirmen der Nestkamera: Bereits um 14:12 Uhr kam es zur ersten Paarung. Um 14:33 Uhr begannen beide Störche gemeinsam, das Nest auszubauen und zu ordnen. Es folgten zahlreiche weitere Tretakte über den gesamten Nachmittag und frühen Abend hinweg, teilweise sogar ungewöhnlich entspannt im Liegen. Die Bindung des neuen Fohrder Storchenpaares scheint absolut gefestigt.
Die Resonanz auf dieses späte Happy End ist in der großen Online-Community überwältigend. In den sozialen Netzwerken häufen sich die erleichterten Reaktionen. „Was für ein schönes, harmonisches Bild von Otto und Jezebel“, schreibt eine Nutzerin. Eine andere fasst die Stimmung treffend zusammen: „So schön, dass Otto und Jezebel wieder ihre Freiheit bei bester Gesundheit genießen können. Jetzt braucht Fohrde in diesem Jahr weiterhin eine Portion verdientes Glück.“
Und dieses Glück ließ nicht lange auf sich warten: Passend zum Osterfest lagen am 1. April und am 3. April bereits die ersten beiden Eier im Fohrder Storchennest. Nach den dramatischen Rückschlägen der Vorjahre blickt das Havelland nun voller Hoffnung auf eine friedliche Brutsaison mit Otto und seiner Jezebel.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.











