Kolumne: Von Dauerregen, heißer Pizza und dem unsichtbaren Schlagbaum im Kopf
Nach dem wunderschönen Frühlingswetter am Samstag bei unserem 3. Havelsee-Hofflohmarkt zeigte sich der Sonntag wettertechnisch von seiner absolut ungemütlichsten Seite. Es war genau das Wetter, bei dem man eigentlich keinen Fuß vor die Tür setzen möchte. Aber was nützt das beste Couch-Wetter, wenn der eigene, noch nicht ganz zweijährige Nachwuchs einen ausgeprägten Drang nach draußen hat? Dauerregen hin oder her – das Kind wollte etwas erleben.
Einen bestimmten Termin hatte ich ohnehin schon sehr lange im Kalender stehen: den „Treffpunkt Pizzaofen“ in der Villa Fohrde. Die Auftaktveranstaltung fand bereits im August letzten Jahres statt. Seitdem gab es sieben Termine, aber immer kam bei mir etwas dazwischen – mal die Arbeit, mal eine andere Veranstaltung. Und nun ausgerechnet heute dieses bescheidene Wetter.
Doch heute war nicht nur irgendein Sonntag. Neben dem Pizzaofen stand auch die feierliche Eröffnung der „Tour de Futur“ auf dem Programm (viele von euch haben bestimmt den Beitrag in der Zeitung Zwischen Havel und See gelesen oder den Beitrag im rbb Heimatjournal gesehen). Zudem fand zum ersten Mal ein Pflanzentausch statt. Mit Ausreden kam ich also heute nicht mehr weiter. Es half nichts: Sachen packen, Kind schnappen und ab nach Fohrde.
Ein unerwartet buntes Treiben trotz Schietwetter
An der Villa angekommen, regnete es in Strömen. Den Nachwuchs störte das bekanntermaßen herzlich wenig, also hieß es erst einmal: Lage peilen. Schon aus der Ferne sah ich fleißige Hände, die am Pizzaofen im Freien hantierten, und auch unter dem Pavillon beim Pflanzentausch herrschte ein reges Treiben. Erstaunlich, dachte ich mir, wer sich von diesem Regen alles nicht abhalten lässt.
Als wir dann ins Warme flüchteten, wurden wir sofort herzlich begrüßt. Es duftete herrlich nach gebackenem Teig, überall standen und saßen Menschen in angeregten Gesprächen, andere belegten gerade ihre eigens kreierten Pizzen. Kinder wuselten mit Spielzeug umher, und aus einer Ecke ertönten die gemütlichen Klänge einer Gitarre. Mein Kleiner fühlte sich sofort pudelwohl und fand schnell neue Freunde in der Lego-Ecke.
Ich ließ es mir derweil nicht nehmen, mir einen heißen Kaffee zu gönnen und nutzte die Gelegenheit, um mit Annika Sutter von der Villa Fohrde ins Gespräch zu kommen. Mich interessierte vor allem, wie die Idee zu diesem Format überhaupt entstand.
„Wir haben vor ein paar Jahren in den Bau eines Lehmbackofens hier auf dem Gelände investiert,“ erzählte Annika. Der Ofen entstand mit vereinten Kräften, teils durch Experten, teils in praktischen Lehmbau-Seminaren. „Wir wollten die Villa und das Gelände zugänglicher machen. Es kommen hier ja sehr viele Menschen aus ganz Deutschland für Seminare hin. Wir wollten aber einen Anlass schaffen, damit Menschen hier aus dem nahen Umfeld – also wirklich unsere Nachbarschaft in Havelsee und darüber hinaus – zusammenkommen können. Einen Raum der Begegnung schaffen.“
Pizza für alle – und das auf Spendenbasis?
Während wir uns umschauten und die vielen Menschen sahen, die gemeinsam Pizza ausrollten und belegten, drängte sich mir eine Frage auf: Warum macht die Villa das eigentlich? Eine quasi „gratis“ Pizza anzubieten, ist ja kein Pappenstiel.
Annika erklärte mir, dass genau dieses gemeinsame Tun der Kern der Sache ist: „Essen und die gemeinsame Zubereitung sind ein wunderbares Mittel, um Menschen zusammenzubringen und miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Finanziert wird das Ganze durch Fördergelder, aber auch durch den Einsatz der Villa selbst und vor allem durch viele ehrenamtliche Helfer aus Havelsee, die beispielsweise auch den Pflanzentausch organisierten. „Wir wollen nicht der Pizzaladen sein, in dem Pizza verkauft wird, sondern im Vordergrund soll stehen, dass gemeinsam etwas gemacht wird,“ betonte sie.
Dass es keinen festen Eintritt gibt, ist eine ganz bewusste Entscheidung für mehr Zugänglichkeit. „Man soll sich nicht leisten können müssen, zu so einer Veranstaltung zu gehen. Man gibt das, was man kann.“ Gleichzeitig sei es natürlich ein Aufruf zur Solidarität, den Wert der Aktion und der Lebensmittel zu erkennen.
Wo sind eigentlich die Einheimischen?
Trotz dieser tollen, offenen Atmosphäre äußerte ich gegenüber Annika meinen Eindruck, dass gefühlt doch recht wenige Einwohner aus Fohrde beziehungsweise Havelsee hier seien, dafür aber umso mehr aus Brandenburg an der Havel oder von noch weiter weg.
Hier korrigierte Annika meine Wahrnehmung glücklicherweise ein wenig: „Tatsächlich kommen aus Havelsee Menschen zum Treffpunkt Pizzaofen! Es sind bei jedem Termin Menschen aus Fohrde, Pritzerbe, Briest oder Tieckow dabei – zum Teil als wiederkehrende Besucher, aber auch als ehrenamtliche Helfer, die dann wiederum andere einladen.“ Gleichzeitig ziehe das Format aber eben auch viele Leute von außerhalb an, etwa Menschen, die neu in die Region gezogen sind, nach Ausflugszielen suchen, sich vernetzen wollen oder den Ort nutzen, um Deutsch zu üben. So kommen ganz unterschiedliche Beweggründe zusammen.
Auch wenn es also durchaus Havelsee-Bürger gibt, die die Villa für sich entdeckt haben – ich muss mir an die eigene Nase fassen und weiß, dass auch viele andere in unserem Ort immer noch gewisse Vorbehalte gegenüber dem Haus haben. Ich erinnere mich noch gut an meine Jugendzeit, als wir uns unten am Wasser trafen und doch etwas verwundert zu den Gästen der Villa hinüberschauten, die dort ihre Übungen machten. Wenn der Seminarleiter dann laut rief: „Die böse Luft ausatmen, die gute wieder ein!“, war das für einen Jugendlichen vom Dorf doch irgendwie… fern der eigenen Realität.
Die Realität heute ist aber: Die Villa Fohrde ist gar nicht so extrem „Öko“, abgehoben oder elitär, wie manche vielleicht immer noch denken. Gerade in den letzten Jahren hat sich das Haus durch Kulturfestivals, Sommerfeste oder eben diesen Pizzaofen extrem in Richtung unseres Ortes geöffnet. Trotzdem scheinen bei vielen Mitbürgern die alten Vorurteile in den Köpfen einfach noch fest verankert zu sein. Es erinnert mich ein bisschen an den berühmten „Schlagbaum“ zwischen Fohrde und Pritzerbe. Jeder, der in Havelsee lebt, hat schon mal davon gehört, niemand hat ihn je gesehen – aber in den Köpfen der Menschen existiert er munter weiter.
Zeit, den eigenen Schatten zu überspringen
Daher stellt sich mir die Frage: Kann sich das irgendwann ändern?
Mein Tipp an euch: Probiert es einfach mal aus. Überspringt den eigenen Schatten und gebt der Villa eine echte Chance. Das Haus, der Garten und vor allem die Menschen dort sind eine absolute Bereicherung für unseren Ort. Und Annika Sutter gab mir zum Abschied noch eine ganz offene Einladung für uns alle mit auf den Weg: „Wenn es Ideen gibt, was man bei so einem Treffpunkt Pizzaofen mal anbieten könnte – sei es kreativ, spielerisch oder inhaltlich –, es gibt hier auf jeden Fall große Offenheit, neue Ideen aus dem Ort aufzunehmen!“
Ein kleines Geständnis noch am Rande: Aufgrund meines wuseligen Nachwuchses, der nach einer Weile natürlich noch den Rest des Hauses erkunden wollte, bin ich am Ende leider gar nicht dazu gekommen, das eigentliche Highlight – ein Stück von der herrlich duftenden Pizza – selbst zu probieren. Aber so habe ich wenigstens gleich etwas, worauf ich mich beim nächsten Besuch freuen kann!
Der nächste „Treffpunkt Pizzaofen“ lässt leider bis zum 14. Juni auf sich warten. Aber ihr müsst nicht so lange ausharren: Bereits vom 22. bis 24. Mai 2026 findet das große Kulturfestival am Havelufer statt!
Dort erwartet uns alle ein großartiges Programm mit Open-Air-Kino, Konzerten, Improvisationstheater, einer Zaubershow, einer Mitmach-Wiese und unglaublich vielen tollen Angeboten für Groß und Klein.
Vielleicht sehen wir uns ja dort – ganz ohne Schlagbaum im Kopf!







